Musiktherapie

By Oktober 5, 2015Therapien

 

Die Musik ist für viele Rett-Mädchen eine wertvolle Hilfe und kann auf verschiedene Weise eingesetzt werden – im Spiel, als Begleitung und Kennzeichen von Tagesabläufen, als Unterstützung von verbaler Information. Musik ist an sich schon ein Vergnügen und auch ein unfehlbares Mittel, um einen Dialog mit den Mädchen zu eröffnen. Darüber hinaus gibt es die eigentliche Musiktherapie. Sie wird bewusst eingesetzt, um persön­liche Befindlichkeiten zu verbessern, d. h. Wahrnehmungsdeformationen zu korrigieren und Angstbarrieren abzubauen. Weiterhin bietet sie die Möglichkeit, gezielte Handlungen mit den Händen an Musikinstrumenten anzubahnen und Blickkontakt sowie soziale Interaktion zu verbessern. Stereotype Bewegungen lassen sich erheblich reduzieren, der Muskeltonus kann harmonisiert werden, so dass sich muskuläre Verspannungen und Versteifungen vermindern. Zu den Elementen und Bausteinen der Musik gehören der Klang, die Melodie, die Dynamik und der Rhythmus. Sie sind und waren Träger und Vermittler von lebenswichtigen Gefühlen und Empfindungen in unserer Entwicklung.

Der Klang

Bereits in der embryonalen Zeit ab dem dritten Monat entwickelt sich der Hörsinn. Die ersten Geräusche (Klänge), die ein Mensch wahrnimmt, sind der Herzschlag, die Darmgeräusche und die Stimme der Mutter. Ab dem siebten Monat können auch Geräusche, Klänge, Töne außerhalb des Mutterleibes gehört werden. Klänge bilden einen Erfahrungshintergrund für alle weiteren Wahrnehmungen und Erfahrungen. Sie werden zu einer Sprache, die Botschaf­ten des Gefühls vermitteln, denn bevor man Worte verstehen kann, entnimmt man aus dem Klang, was gemeint ist. Musiktherapeutische Aktivitäten werden dadurch zu einem wichtigen Zugangsmittel für den emotionalen Bereich der Mädchen.

Die Melodie

Die Melodien entstehen durch das Aneinanderreihen von verschiedenen Klängen. In Verbin­dung mit Worten werden sie zu Liedern. Melodien und Lieder können zu etwas Vertrautem werden. Man weiß im Voraus, was kommen wird und wie die Melodie des Liedes weitergeht, da ja immer dieselbe Tonfolge eintritt. Das gibt Sicherheit und Befriedigung beim Wiederer­kennen.

Die Dynamik

Die Dynamik in der Musik hat Parallelen in der Natur. Im Wind, im Meeresrauschen findet man laut, leise, stärker, intensiver werdend An- und Abschwellen wieder. Es ist eine Welt der Gegensätze. Durch die Dynamik in der Musik kann man alles empfinden, was mit Bewegung und Veränderung zu tun hat.

Der Rhythmus

Der Rhythmus vermittelt entscheidende Bewegungsimpulse, die direkt auf das motorische Nervensystem der Mädchen einwirken. Der dem Menschen am nächsten liegende Rhythmus ist der eigene Puls, dann folgt der Atemrhythmus, die Tagesrhythmen von Schlafen und Wachsein, der Jahresrhythmus. Im Rhythmus sein bedeutet, ein Gefühl von Sicherheit empfinden, bedeutet das Wiederkehrende, Stetige zu erleben.

Trainingsprogramm für Kinder mit Rett-Syndrom

Musiktherapie bei Rett-Syndrom

Die Anwendung von Musiktherapie bei Rett-Syndrom unterscheidet sich in ihrem System nur wenig von jener, die bei anderen Diagnosen angewendet wird. Die größeren Schwierigkeiten entstehen vor allem

  1. infolge einer mehr oder weniger ausgeprägten Stereotypie der Hände, wodurch das Kind sich selbst an allem hindert,
  2. verhindern Retardierung und Antriebsarmut scheinbar vieles.

Schnelles Eingreifen unmittelbar nach Feststellen der Diagnose entscheidet wahrscheinlich über den Erfolg, nachdem die Einengung der Persönlichkeit in der Symptomatik im Vordergrund steht. Um der Antriebsarmut bzw. den Stereotypien entgegenwirken zu können, muss das Kind lernen, auf einen Reiz eine „Antwort“ zu geben. Vorerst muss das Kind nicht nur die Wahrnehmung und die Zuwendung zur Wahrnehmung, sondern die Bereitschaft zur Wahrnehmung erst erlernen. Vordringliches Ziel bedeutet demnach „Orientierungsreaktion“ anzustreben.

Die wichtigsten Funktionen dieser allgemeinen Reaktion sind:

  • Erhöhung der Sensibilität der Sinnesorgane
  • optimale Erfassung der Reizqualität und -intensität durch Zuwendung,
  • Spannung der Muskulatur, also eine Bereitschaft, Bewegungen oder Handlungen einzuleiten,
  • Verkürzung der Reaktionszeit,
  • erhöhte Sensibilität der Haut bzw. der Greiffähigkeit der Handflächen und Fußsohlen.

Der Umgang mit dem Kind über Musik ist deshalb so erfolgreich, weil man bei entsprechender Einfachheit immer wieder reproduzieren kann, ohne je aversiv sein zu müssen. Es müssen einfache, dosierbare, wiederholbare und variierbare Reize angeboten werden (bewusst variierbar, aber wiederholbar). Dadurch, dass man immer wieder dasselbe bringt, kommt es zu einer Erwartungshaltung, zu einer Antizipation. Das Kind erwartet schon etwas. Die Erwartung bedeutet Spannung und die Erfüllung dieser Spannung bedeutet Entspannung. Wenn beim Umgang mit Kindern bestimmte Reaktionen erwartet werden und dann eintreten, erzeugt das die Erfüllung einer Wunschvorstellung. Dies ist z. B. der Fall, wenn bei einem Refrainlied der Refrain erwartet wird und dann auch eintritt. Die Erfüllung antizipatorischer Wunschvorstellungen ergibt eine besondere Erwartungshaltung.

Es ist nicht unbedingt notwendig, ein Musikstudium absolviert zu haben, um über bzw. durch Musik oder deren Elemente im speziellen Fall ein Förderungsprogramm zu entwickeln. Musikalische Menschen besitzen die Fähigkeit, alles in Rhythmus, Melodie oder Form zu kleiden. Auch die derzeit gezielt eingesetzte Musiktherapie entwickelte sich aus intuitiver Vorgangsweise, Beobachtung und Erfahrung. Bald jedoch entdeckte man, dass eine gewisse Gesetzmäßigkeit beim Anbieten der Reize, die gewünschten Reaktionen auszulösen vermag und erkannte, dass diese Gesetzmäßigkeit analog den modernen Lerntheorien verläuft.

Die Erkenntnisse moderner Lerntheorien bieten wohl Anregungen und Anhaltspunkte wie, in welcher Form, Reize, gleichgültig ob Geräusch, Ton oder Klang angeboten werden können. Das Kind lernt z. B. in einer bestimmten Situation, auf bestimmte Reize in einer bestimmten Art zu reagieren und diese Reaktion bestimmt den nächsten Schritt. Der Therapeut muss jedoch musikalische Gesetze und Systeme beherrschen und eine Art shaping (Lernen am Erfolg) und timing anwenden können, um die angestrebte Erwartungsspannung mit dem Endziel der erlösenden Entspannung auszulösen. Die Teilerfolge sind für den Therapeuten oft nur minimal. Sobald man den Eltern vor Augen führt, mit welch kleinen Schritten die Erfolge erzielt werden, geben sie oft auf. Auch ist nicht anzunehmen, dass „Therapiestunden“ über den Erfolg entscheiden. Therapeutische Ziele müssen in den Alltag des Kindes übertragen werden, um das entsprechende Trainingsprogramm durchziehen zu können. Therapiestunden würden nicht reichen, um dem Kind z. B. greifen“ zu lernen, sofern die Mutter nicht darauf achtet, dem Kind immer wieder einen Gegenstand oder Essbares in die Hand zu schieben, bzw. es zum Ergreifen des Dargebotenen zu motivieren. Gleiches gilt auch für andere Bereiche, wie bewusstes Schauen oder Hören. In der Therapiestunde wird nur die Technik erarbeitet, um die erwünschten Reaktionen einzuleiten oder auszulösen.

Es sei festgestellt, dass die größte Schwierigkeit im Erlernen der Motivation besteht. Diese ist jedoch nicht mit „anregen“ zu verwechseln, vielmehr bedeutet „Motivation“ ein auf bestimmte Ziele gerichtetes Bedürfnis, das bei zunehmender Intensität als Verlangen und schließlich als Drang empfunden wird, z. B. sobald das Bedürfnis „etwas zu ergreifen“ geweckt werden konnte, wird dieses an das Bedürfnis „etwas hören zu wollen“ gekoppelt und bis zum Drang „etwas ergreifen bzw. hören zu müssen“ weiterentwickelt.

Anwendung der elektrischen Orgel

Dieses Instrument hat den Vorteil, dass der Ton bleibt, wenn die Hand (Hände) darauf liegen bleibt. Das Kind lernt, die Hände zu trennen und Fäuste zu öffnen. Erreicht soll werden, dass das Kind die Finger streckt und einzelne Töne anschlägt, was nur schwer zu erreichen ist, aber im Sinne des Instrumentes liegt. Ursache und Wirkung können dem Kind vorgemacht werden. Ist die Stereotypie der Hände noch nicht stark ausgeprägt, bleiben durch „Zufall“ – oder dieser Zufall wird herbeigeführt- eine oder beide Hände auf den Tasten liegen. Der so erzeugte Klang dauert an, solange die Hand bzw. Hände liegen bleiben oder verstummt, sobald diese zurückgezogen werden. Dieser Wechsel von Stille und Klang, hervorgerufen durch bestimmte Bewegungen der Arme, wird nach entsprechender Wiederholung vom Kind wahrgenommen, und nach und nach wird diese Bewegung mehr oder weniger „bewusst“ ausgeführt. Sobald die Bewegung bewusst ausgeführt wird, kann versucht werden, diese einer metrischen Ordnung anzugleichen, einem Rhythmus, einem bestimmten Akzent. Diese Gesetzmäßigkeiten können, entsprechend den Kenntnissen des Therapeuten, aus Musik in musikalische Bereiche umgesetzt werden.

Das große Becken (Gong-Cymbal)

Das Becken oder ein Gong eignen sich für die musiktherapeutische Arbeit bei Kindern mit Rett-Syndrom besonders. Diese reichen über bewusstes Greifen nach dem Becken oder Strecken der Beine, um die Vibration und die Schwingungen, nachdem das Becken angeschlagen wurde, zu spüren (an den Fingerspitzen, den Handflächen, den Zehenspitzen oder Fußsohlen u. a.) bis zum bewussten Blick zur Schallquelle, dem Nachblicken des kreisenden Beckens, selbst Lautieren kann erreicht werden. Das Gesichtsfeld ist für Schallschwingungen sehr sensibel. Sehr sensibel für Schwingungen ist das Kind auch, sobald das Becken knapp über seinem Kopf angeschlagen wird. In manchen Fällen nimmt das „Sensibilisieren“ für die Vibration des Beckens eine große Zeitspanne ein, bis eine sichtbare Reaktion erfolgt. Auf die erforderliche Geduld des Therapeuten wurde bereits hingewiesen.

Ähnlich wie an der Orgel muss erreicht werden, dass die Reaktionen des Kindes bewusst ausgeführt werden. Der Beginn kann ein Reflex sein. Dieser kann zu bewusstem Agieren weiterentwickelt werden. Manchmal ist das Tamburin bzw. die Trommel besonders geeignet, ein Vibrationserlebnis zu vermitteln. Mit Handtrommeln lässt es sich dann fortsetzen. Die Trommel ist ein so einfaches Gerät eine Stimulus-Reaktionsbeziehung herzustellen. Schlaginstrumente eignen sich im Besonderen, den Zusammenhang zwischen Schauen beim Agieren und dem Ton herzustellen (instrumentelle Konditionierung). Musik mit betont rhythmischem Aufforderungscharakter eignet sich bestens, um der Antriebsarmut entgegenzuwirken. Das Kind sitzt z. B. auf dem Schoß des Therapeuten. Dieser schaukelt im Takt mit den Beinen des Kindes. Hintergrundmusik während des Geh- und Esstrainings wirkt immer wieder aufmunternd und sollte gezielt eingesetzt werden.

Aus den bisherigen Erfahrungen mit Musiktherapie bei Kindern mit Rett-Syndrom ist festzustellen, dass die Frage des Zeitpunktes der Therapie und der Häufigkeit der Wiederholung der Therapie, aber auch der Dauer der jeweiligen Therapie von der Verfassung des Kindes abhängt. Dies muss von der Familie bestimmt werden, die am besten weiß, wie und wie lange das Kind bereit ist mitzuarbeiten. Es gibt Fälle, die jeweils nur fünf Minuten durchhalten, andere „arbeiten“ bis zu einer halben Stunde. Die Zeit der Therapie kann durchaus variabel sein. Manche Kinder haben ihre beste Zeit am Morgen, manche hingegen erst am Abend. Die b e s t e Zeit muss genutzt werden. Es empfiehlt sich vor allem am Anfang der Therapie, dass diese von ein und derselben Person durchgeführt wird. Später können sich mehrere dem Kind vertraute Personen abwechseln. Hier erlebt man oft Überraschungen, z. B. dass ein Kind mit einer Person nur ein Instrument bevorzugt. Wichtig erscheint uns die Abwechslung, d. h. dass im Rahmen des jeweiligen Therapieprogramms mehrere Instrumente verwendet werden. Der Therapiebeginn sollte jeweils mit dem Abspielen einer Musik-CD erfolgen, wobei -wie schon erwähnt- rhythmisch stark betonte und wenn möglich, dem Kind vertraute Melodien angeboten werden.