Das Rett-Syndrom und Spastik

Dr. Volker Diedrichs Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH)
Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie
Kinder – und Neuroorthopädie, 24105 Kiel, November 2004

www.bewegungsdoktor.de

 

Einleitung

Viele neurologische Erkrankungen verursachen Bewegungsstörungen mit der Folge zuneh­mender Verformungen (Deformitäten) im Bereich des Bewegungsapparates (z. B. Hüftausren­kungen, Wirbelsäulenfehlformen, Fußfehlformen), Funktions- und Fähigkeitsverluste (z. B. Stehen, Gehen), Wahrnehmungsstörungen (z. B. des eigenen Körpers und der Umwelt) und Verschlechterung der sozialen Integration (Isolation). Zahlreiche neurologische Erkrankungen haben ähnliche Symptome (z. B. Spastik, Ataxie). Die Behandlung der Neuroorthopäden zielt nicht auf die Heilung der ursächlichen Erkrankung ab, was den Neurologen obliegt, sondern auf die Linderung von deren Erscheinungsformen. Dabei stehen aktuelle Beschwerden im Vor­dergrund (z. B. Schmerzen). Gleichzeitig hat die Behandlung die weitere Entwicklung von Jahren und Jahrzehnten im Blick. Nicht allein die schnelle Funktionsverbesserung (z. B. Gang­bild, Sitzfähigkeit), sondern auch der lange Erhalt der Funktion entscheidet über die Wahl der Therapie. Manchmal erkauft man sich durch eine geringe Funktionsverschlechterung, was in der Schienenbehandlung schon mal der Fall sein kann, einen längeren Erhalt der Funktion. Manche Funktionen werden ohne Hilfsmittel durch Ausgleichsbewegungen aufrechterhalten, was dann auf Dauer zu schweren Folgeschäden führen kann. Als Beispiel sei der Plattfuß beim typischen spastischen Kauergang genannt. Je zahlreicher die Therapiemöglichkeiten eines Be­handlungsteams sind, je größer die Erfahrung und auch das Altersspektrum der Patienten ist, desto individueller kann die Behandlung für die Patienten entwickelt werden. Ein Behand­lungszeitraum von einigen Monaten oder Jahren, z. B. nur während der Kindheit, ermöglicht nicht den therapeutischen Weitblick, der für die Behandlung von langsam fortschreitenden Folgeschäden notwendig ist. In der Neuroorthopädie ist eine kontinuierliche Therapie der Kinder ins Erwachsenenalter hinein erforderlich. Eine Trennung zwischen der therapeutischen Betreuung von Kindern und Erwachsenen mit einem Bruch im 18. Lebensjahr ist für die Wahl und Anwendung der Behandlungsmethoden wenig sinnvoll.

Bei vielen Mädchen mit Rett-Syndrom entwickelt sich ab dem 2. bis 4. Lebensjahr ein Verlust der Gehfähigkeit bis hin zur Rollstuhlbedürftigkeit aufgrund von Bewegungsstörun­gen. Diese Bewegungsstörungen werden durch Ataxie (Störung der räumlichen Bewegungspla­nung; »Daneben-Greifen«) und Spastik hervorgerufen. Außerdem entwickeln sich Fehlformen der Wirbelsäule (sog. Kyphoskoliose), die eine gute Sitzfähigkeit gefährden kann.

Was ist Spastik?

Die gängige Definition lautet: Spastik ist eine Bewegungsstörung mit gesteigerter Muskelspan­nung (Muskeltonus), die bei passiver Dehnung auftritt und deren Ausmaß von der Dehnungs­geschwindigkeit abhängt.

Also: Die Spastik zeigt sich als erhöhte Muskelspannung. Diese Spannung zeichnet sich da­durch aus, dass sie mit der Geschwindigkeit der Bewegung zunimmt und dabei die Bewegung abrupt abbremst. Eine langsame und vorsichtige Bewegung löst keine Spastik aus. Die Dehnung wird als »passiv« bezeichnet, da sie nicht durch eine selbstständige aktive Bewegung des Betroffe­nen, sondern durch eine andere Person durchgeführt wird. Eine Spastik, die durch die Bewegung (z. B. Gehen) des Betroffenen selbst hervorgerufen wird, nennt man »Aktionsspastik«.

Streckung und Beugung in einem Gelenk werden durch eine Verkürzung entweder der Streck- oder der Beugemuskulatur erreicht. Dabei muss sich die jeweils gegenüberliegende Muskulatur dehnen. Man spricht bei einer Bewegung in einem Gelenk auch von Agonisten (Spieler) und Antagonisten (Gegenspieler). Die Agonisten verkürzen sich und gleichzeitig wer­den die Antagonisten gedehnt. Bei einer Spastik sind sowohl Agonisten als auch Antagonisten betroffen. Eine von beiden Muskelgruppen ist allerdings stärker gegenüber der anderen, so dass in dem Gelenk bei Spastik eine Bewegung in Richtung der stärkeren Muskulatur aus­geführt wird. Es handelt sich dabei um eine Muskelimbalance: Agonist und Antagonist stehen in einem nicht gut ausbalancierten Verhältnis zueinander.

Spastik beim Rett-Syndrom

Als Beispiel sei das Kniegelenk genannt. Es gibt Streck- oder Beugespastiken. Beim Rett-­Syndrom sind es in der Regel Beugespastiken. Die Beugemuskulatur am hinteren Oberschen­kel (Ischiocrurale Muskulatur) ist in dem Falle stärker gegenüber der Streckmuskulatur (M. quadriceps). Es kommt zu einer Beugung im Kniegelenk.

Das spastische Muster beim Rett-Syndrom ist nicht so auffällig, wie es erwartet werden könnte, wenn die Diagnose »spastische Lähmung« lautet. Es wird sich dann eher der »typische Tetraspastiker« vorgestellt, bei dem Arme und Hände stark gebeugt, angespreizt und nach innen gedreht sind und die Beine in Hüft- und Kniegelenk in Streckstellung gehalten werden. Die Spastik beim Rett-Syndrom ist eher »versteckt«. Sie ist allerdings in ihrer Wirkung so stark, dass es schon in jungen Jahren zu Ausrenkungen der Hüftgelenke und zu Deformitäten der Wirbelsäule kommen kann.

Ursachen und Auslöser von Spastiken

Die Ursache der Spastik ist bedingt durch eine Störung des 1. Motoneurons. Dabei handelt es sich um diejenige Nervenbahn, die aus den Bewegungszentren des Hirns ins Rückenmark zieht. Hirn und Rückenmark werden als zentrales Nervensystem bezeichnet (ZNS). Im Rü­ckenmark werden die Bahnen mit Nerven (2. Motoneuron) verbunden. Diese Nerven ver­sorgen die Muskulatur von Armen, Beinen, Rumpf und Kopf. Eine Schädigung des 2. Motoneurons führt zu einer schlaffen Lähmung ohne Spastik. Im Rückenmark können die Nerven, die zur Muskulatur ziehen, nicht nur durch das 1. Motoneuron aktiviert werden. Sie können durch dieses auch gehemmt werden. Diese Hemmung ist bei einer spastischen Lähmung nicht mehr möglich und die Muskulatur unterliegt unkontrollierbaren Automatismen, sog. Eigenre­flexen und andauernden Stellreflexen, die als Spastik sichtbar werden. Es gibt eine ganze Reihe von Theorien, die versuchen, das Phänomen der Spastik zu erklären. Diese Beschreibung ist sicherlich sehr vereinfacht.

Die Auslöser einer Spastik sind vielfältig. Es können Reize von außen aus der Umwelt oder von innen aus dem Betroffenen selbst sein. Ohne einen Reiz gibt es keine Spastik. Ist der Betroffene vollkommen ruhig, so wird keine Spastik ausgelöst. Das ist z. B. im Liegen ohne äußere oder innere Reize der Fall. Ein Zustand, der praktisch nicht zu erreichen ist. Äußere Reize können Bewegungen, Schmerzauslöser (z. B. Druckstellen von Schienen, Gelenkfehlstel­lungen) oder Schrecksituationen (z. B. Lärm, Licht, Kälte, Wärme, Berührung) sein. Innere Reize können emotionale Erregungzustände (z. B. Freude, Angst, Wut) sein.

Was sind die Folgen der Spastik?

Spastik verursacht auf Dauer Folgeschäden. Sie werden als »neurogen«, also als Folge einer neu­rologischen Grunderkrankung bezeichnet. Der Schlüssel zum Verständnis der Folgeschäden ist das Wissen um die oben beschriebene Muskelim­balance. Zum Einen bewirkt eine kontinuierlich erhöhte spastische Muskelspannung eine struktu­relle Verkürzung der Muskulatur. Zum Anderen werden die Gelenke permanent über- und fehlbe­lastet. Spastische Muskulatur baut sich im Verlauf des Lebens bindegewebig um. Die funktionellen Einheiten der Muskulatur werden durch starres und festes Gewebe ersetzt. Die Beweglichkeit nimmt ab.

Die Über- und Fehlbelastung der Gelenke führt zu vorzeitigem Verschleiß, zu Schmerzen, Verfor­mungen, Ausrenkungen oder Einsteifungen. So­wohl aus den Veränderungen im Muskel selbst, wie auch in den Gelenken resultiert eine Unbe­weglichkeit mit Verlust der eigenen Mobilität ge­paart mit Schmerzen.

Sichtbar werden diese Folgeschäden als Wir­belsäulendeformitäten , Ausrenkungen in den Hüftgelenken  und Deformitäten der Füße.

Wie kann bei Spastik behandelt werden?

Ziel der Behandlung von Spastik ist die Spastik­hemmung, die Verminderung Spastik auslösender Reize (s. o.) und die Verbesserung der Muskelba­lance. Zum Einen sollte die Wahrnehmung so verändert werden, dass normalerweise Spastik auslösende Reize nicht mehr als solche wirken. Zum Anderen sollte die Muskulatur in einem Zustand sein, in dem spastische Nervenimpulse die Muskelspannung nicht mehr erhöhen kön­nen. Durch eine möglichst geringe Spannung ist die Funktion besser und Folgeschäden entwickeln sich langsamer. Dies kann durch Physiotherapie, Ergotherapie, Schienenbehand­lung, Lagerung, Botulinumtoxin und andere antispastische Medikamente (z. B. Baclofen) und letztendlich auch durch Operationen erreicht werden. Dabei er­setzt nicht eine Therapieform die andere. Sie ergänzen sich gegenseitig und werden gleichzeitig durchgeführt. So macht die Physiotherapie oder eine Operation eine Behandlung mit Schienen nicht überflüssig. Wichtig bei der Therapie ist, dass nicht allzu schnell die Situation entsteht, den Folgeschäden »hinterher arbeiten« zu müssen. Im Wissen um die mögliche zukünftige Entwicklung wird vorsorglich (prophylaktisch) gehandelt.

Therapieformen

Basis des Therapieschemas ist die Physiothera­pie auf neurophysiologischer Basis (z. B. Bobath, Vojta). Bewegungsmuster, die durch die spastische Reflexaktivität entstehen, sollen gehemmt werden und »normale« Bewegungsmuster sollen gebahnt werden. Zudem sollte die spastische Muskulatur regelmäßig gedehnt werden, um einer strukturel­len Verkürzung entgegenzuwirken.

Parallel zur Physiotherapie wird Ergotherapie durchgeführt. Physio- und Ergotherapie arbeiten Hand in Hand. Die Ergotherapie erprobt Hilfs­mittel und macht sie alltagstauglich. Sie erarbeitet Abläufe des täglichen Lebens (Handfunktionen, Körperpflege) und lässt sie zur Routine werden. Sie sucht Wege, die Wahrnehmung zu verbessern und die Aufmerksamkeit zu konzentrieren. Die Umwelt der Patienten sollte Interesse und Anreize zur Kontaktaufnahme herausfordern.

Dritte grundlegende Säule der Therapie ist die Schienenbehandlung (Orthetik). Bei Mädchen mit Rett-Syndrom ist eine sogenannte »Informati­ve Orthetik« zu empfehlen. Diese Orthetik führt zur Spastikhemmung durch Dehnung (Redressi­on), beugt zunehmenden Muskelverkürzungen vor, verbessert die Gelenkstellung und verändert die Wahrnehmung (Eigenwahrnehmung, Umwelt). Die Orthesen sollen die Patienten vor der Spastik »schützen«. Zum Einen kann der gedehnte Muskel nicht mehr auf Nervenimpulse mit einer schnellen Verkürzung reagieren. Zum Anderen fühlen sich die Patienten in den Orthesen »siche­rer«. Die Angst vor der Umwelt mit ihren Spastik auslösenden Reizen wird reduziert und kann da­durch wieder uneingeschränkter wahrgenommen werden. Die Patienten werden aufmerksamer und kommunikationsfähiger.

Fühlen Spastikpatienten sich in den Orthesen eingesperrt?

Vergleichbar ist die Situation ein wenig mit einem »Höhenkranken«, der auf einem sehr hohen Turm steht. Erst ein sicheres Geländer wird es ihm möglich machen, an den Rand zu gehen und hinunterzuschauen. Die Plattform, auf der er steht, ist mit und ohne Geländer dieselbe. Er kann auf ihr im Prinzip genau so sicher stehen, wie auf dem Boden vor dem Turm. Auf dem Turm sieht er aber die Tiefe, die ihn bedroht. Das Geländer verändert seine Wahrnehmung für die Situation so sehr, dass er sich sicherer fühlt. Ein Nicht-Höhenkranker wird dieses Verhalten als merkwürdig empfinden. Genauso wird ein »Gesunder« zunächst den Eindruck haben, ein spastischer Patient mit Beinschienen, Sitzschale und Korsett müsse sich einge­sperrt fühlen. Erst das Wissen um die Hintergründe von Spastik mit den dazu gehörenden Wahrnehmungsstörungen wird ihn die Therapie verstehen lassen.

Diese Form der Therapie ist in unserem Haus seit Jahrzehnten bei jedem Patienten aufs Neue auf dem Prüfstand. Es ist der deutlich sichtbare Effekt mit der positiven Rückmeldung der Patienten, der dieser Art der orthetischen Versorgung ihre Rechtfertigung gibt.

Vorteile von Orthesen

Hauptelement der Beinschienen ist der sogenannte Hessingschuh (Walklederschuh). Die Formgebung ermöglicht eine Positionierung des Fußes in jeder möglichen Stellung. Dadurch kann die spastikhemmende Stellung unter Berücksichtigung einer guten Gelenkstellung opti­mal gehalten werden. Der spastikhemmende Effekt ist dabei nicht auf die Unterschenkel- und Fußmuskulatur reduziert, sondern betrifft durch eine komplexe Verschaltung im Rückenmark den gesamten Körper (Stellreflex, Totalreflex).

Des Weiteren ermöglicht das Material eine Verbesserung der Eigenwahrnehmung (Informa­tion, Support) mit der Folge der besseren Kontrolle über die Stellung im Raum. Bei der Korsettversorgung von Mädchen mit Rett-Syndrom ist Leder als Material, Kunststoffen wegen der besseren Eigenwahrnehmung und des angenehmeren Tragekomforts vorzuziehen. Nicht allein das Design darf die Zufriedenheit der Patienten mit den Hilfsmitteln bestimmen. Funktionalität und Passgenauigkeit müssen den vollen medizinischen Sinn erfüllen.

Komplikationen durch Spastik

Eine Komplikation bei zunehmender Skoliose ist die Gefahr der Lungenentzündung. Zahl­reiche Fälle von Patienten mit schwersten spastischen Skoliosen und dadurch häufig auftre­tenden Lungenentzündungen haben gezeigt, dass eine entsprechende Versorgung mit Korsett zur besseren Entfaltung der Lungen, dadurch zur besseren Belüftung und zur Prophylaxe von Lungenentzündungen führt.

Die Orthesenversorgung nach Operationen zeigt immer wieder, dass die Schienen nicht zur Schwächung der Muskulatur führen müssen. Nach den langen Liegezeiten in Gipsverbänden sind die Muskeln deutlich zurückgebildet. In den folgenden Monaten wachsen sie dann häufig so stark, dass Weitungen der Orthesen notwendig werden. Auch die Dehnung, die aufgrund der Orthesen auf die Sehnen ausgeübt wird, ruft einen Wachstumsreiz hervor. Auf der anderen Seite würden wir uns eine Schwächung zumindest der dominierenden spastischen Muskulatur wünschen, um die Muskelbalance zu verbessern.

Bei der Anpassung ist Fachwissen gefragt

Die Anpassung von Orthesen bedarf großer Erfahrung, um durch die falsche Wahl oder eine mangelhafte Anfertigung die Spastik nicht zu verstärken (Schmerzen können Spastik auslösen). Außerdem werden alle Orthesen zunächst simuliert, um zu erproben, ob eine Schienenbehand­lung möglich und sinnvoll ist. Es geht nicht darum, die Patienten unter allen Umständen in die Orthesen zu zwängen. Die Orthesen sind erst dann funktions- und passgerecht, wenn z. B. die Füße in einer spastikhemmenden Stellung wie von selbst in die Schiene gleiten. Die Hilfsmit­tel werden grundsätzlich vom verordnenden Arzt persönlich überprüft und abgenommen.

Eine Hilfsmittelversorgung beginnt in der Regel »von unten nach oben«, um den Patienten eine sichere und ruhige Basis zu geben. Jede Bewegung geht einher mit einer Lageveränderung im Raum. Hieraus ergeben sich eine Schwerpunktverschiebung und eine Änderung der Stellung und Belastung aller Gelenke. Diese Veränderungen müssen bei jeder Bewegungsaktivität im Bereich des gesamten Körpers kompensiert werden (Alois Brügger). Will heißen, dass gerade bei einer unsi­cheren und wackeligen Basis (Füße, Beine, Hüften), der gesamte übrige Körper (Rumpf, Kopf, Arme, Hände) dieses Ungleichgewicht ausbalancieren muss. Eine freie und stabile Haltung ist so nicht möglich. Rumpf und Kopf stehen nicht im Lot und werden zum Gewichtsausgleich verlagert. Dadurch sind Arme und Hände nicht frei für Tätigkeiten. An eine freie Wahrneh­mung der Umwelt ist nicht zu denken, weil die größte Aufmerksamkeit der Erlangung und Erhaltung des Körpergleichgewichts gilt.

Mädchen mit einem Rett-Syndrom sind in erster Linie Sitzer. Die Sitzposition sollte eine gute Basis schaffen, so dass Rumpf, Kopf, Arme und Hände gut ausbalanciert sind, damit eine mühelose freie Beweglichkeit ermöglicht wird, um die Wahrnehmung der Umwelt nicht zu stören. Die spastische Muskelspannung sollte möglichst reduziert werden und die Gelen­ke sollten so optimal geführt werden, dass Fehlstellungen mit Schmerzen und Ausrenkungen vorgebeugt wird.

Physiotherapie, Ergotherapie, Orthesen und Lagerung sollten aus neuroorthopädischer Sicht grundsätzlich dauernde Therapien bei Spastikern sein, so auch bei Mädchen mit Rett-Synd­rom. Die Therapie mit Botulinumtoxin und Operationen sind zusätzliche Maßnahmen, die in entsprechenden Situationen notwendig werden können.

Therapie mit Botulinumtoxin

Die Therapie mit Botulinumtoxin führt zu einer Reduzierung der spastischen Muskelspan­nung. Es handelt sich bei der Substanz um ein Nervengift, das die Übertragung der Nerven­impulse auf den Muskel verhindert. Der Muskel wird gelähmt. Allerdings nur vorübergehend, durchschnittlich 3 bis 6 Monate, und nur sehr punktuell. Die Wirkdauer ist unterschiedlich und kann nur begrenzt vorhergesehen werden. Die Substanz wirkt nur direkt an der Stelle, wo sie in den Muskel eingespritzt wurde. Dadurch ist eine ganz gezielte Therapie unter Aus­wahl einiger bestimmter Muskeln möglich. Ein Vorteil gegenüber Medikamenten, die auf die gesamte Muskulatur und den übrigen Organismus wirken. Geschwächt wird der dominante spastische Muskel, so dass sein Gegenspieler wieder die Möglichkeit bekommt, aktiv an der Bewegung eines Gelenkes teilzunehmen. Kinder profitieren besonders von Botulinumtoxin, da Fähigkeiten (z. B. Stehen, Gehen), die während des Wirkeffektes erlernt werden, im noch formbaren Gehirn eingraviert werden und auch bei nachlassender Wirkung andauern. Die Dosierung und die Auswahl der zu behandelnden Muskulatur sind von der Erfahrung der Behandler abhängig. Ideal ist eine ausführliche Befundung (Statuserhebung) im Team mit Phy­sio- und Ergotherapeuten. Sie sollte auf Video dokumentiert und sowohl vor der Therapie als auch nachher durchgeführt werden.

Ein Nachteil ist, dass die Behandlungen regelmäßig wiederholt werden müssen. Die Abstände betragen 3 Monate bis 1 Jahr und sind abhängig von Intensität und Dauer der Wirkung. Wenn die Hüftbeuger behandelt werden müssen, so sollte das unter Narkose durchgeführt werden, da der Muskelbauch des stärksten Hüftbeugers (Musculus psoas) im Bauchraum liegt. Außerdem ist ohne Narkose die häufig hohe Zahl der Spritzen sehr unangenehm. Trotzdem überwiegen die Vorteile bei Weitem, so dass in unserer Klinik seit ca. 9 Jahren die Therapie durchschnitt­lich 350-mal im Jahr angewendet wird. Es ist schon auffallend, dass sich seit der Einführung der Therapie mit Botulinumtoxin die Zahl der notwendigen Operationen reduziert hat.

Operative Eingriffe

Operationen werden notwendig, wenn nicht-operative Therapien, also konservative Maß­nahmen, nicht mehr ausreichen, um wichtige Funktionen (Stehen, Sitzen) zu erhalten, Schmer­zen zu lindern oder eine ausreichende hygienische Pflege (z. B. Intimbereich) zu ermöglichen. Operationen sind immer die letzte Lösung. Die meisten Operationen sind sog. Weichteilein­griffe. Es werden Sehnen verlängert und Gewebe, das sich im Laufe der Zeit unumkehrbar ver­kürzt hat, gelöst. Zu beachten ist, dass Sehnen nicht durchtrennt, sondern verlängert werden. Durch die Durchtrennung einer Sehne verliert der Muskel seine vollständige Funktion. Da auch der Gegenspieler spastisch ist, wird auf Dauer aus einer Fehlstellung in die eine Richtung eine Fehlstellung in die andere. Beim Hüftgelenk wird so z. B. aus einer Anspreizfehlstellung eine Abspreizfehlstellung (Froschhaltung). Bei einer Sehnenverlängerung wird dem stärkeren Muskel etwa die Hälfte der Kraft genommen. Das ist erwünscht, da so der schwächere Gegen­spieler wieder am Gelenkspiel beteiligt werden kann. So wird aus einer Muskelimbalance eine Muskelbalance.

Bei massiven Fehlstellungen und Ausrenkung von Gelenken (z. B. Hüfte, Fuß), werden knö­cherne Umstellungen notwendig, wenn Weichteileingriffe nicht mehr zur Korrektur ausreichen oder Gelenke schon erheblich geschädigt sind.

Die Hüftgelenke spielen eine Schlüs­selrolle bei der Körperbewegung und- lagerung. Von ihnen hängt wesentlich ab, ob Gehen, Stehen, Sitzen und Liegen noch beschwerdefrei möglich sind. Sie sind die Verbindung zwischen Rumpf und Beinen und entscheiden darüber, ob lotgerecht und ausbalanciert positio­niert werden kann. Ein- oder beidseitige Ausrenkungen, ob vollständig oder auch nur teilweise, führen neben Schmerzen zur Asymmetrie des gesamten Körpers. Wirbelsäulendeformitäten sind häufig durch sie ausgelöst. Um Asymmetrien zu vermeiden, sollte so früh wie möglich mit konsequenten konservativen Therapien begonnen werden. Abwartendes und rein beob­achtendes Verhalten, das auf Hilfsmittel verzichtet und die Lebensqualität scheinbar durch mehr Bewegungsfreiheit verbessert, kann früh zu vermeidbaren Folgeschäden führen, die nur operativ zu therapieren sind. Sie sind bei Spastik häufig schon vorhersehbar, wenn der Zusam­menhang zwischen Spastik und Folgeschäden bekannt ist. Die Kontrolle durch Röntgen der Hüftgelenke gehört zur Routinediagnostik. Wenn Hüftgelenke Dauerschmerzen verursachen, die eine gute Lagerung nicht mehr möglich machen oder wenn sie ausgerenkt sind und zu deutlichen Asymmetrien führen, dann sollten sie operiert werden. Dauerschmerzen und eine nicht körpergerechte Lagerung führen zur Verstärkung der Spastik, so dass sich die Patienten in einem Teufelskreis befinden. Wenn noch möglich, werden Hüftgelenke rekonstruiert oder kor­rigiert. Wenn dies nicht mehr möglich ist, kommen palliative, also Lebensqualität verbessernde Operationen, wie die Hüftkopf-Schenkelhals-Entfernung in Frage. Welche Art der Operation gewählt wird, ist sorgfältig zu entscheiden. Es steht eine ganze Reihe verschiedener Operati­onen zur Verfügung, deren Vor- und Nachteile gründlich und individuell abgewogen werden müssen. Da eine gute Lagerung, wie oben beschrieben, mit der Basis, also mit den Füßen beginnt, sind auch sie häufig Diskussion möglicher Operationen. Alle Arten von Operationen mit ihren Vor- und Nachteilen hier zu nennen und zu diskutieren, würde den Rahmen eines solchen Artikels sprengen.

Zum Abschluss sei noch einmal betont, dass grundlegend für jede Therapie bei Spastik das Wissen um die Prinzipien ist. Spastik wird immer zu langfristigen Folgen am Stütz- und Be­wegungsapparat führen. Eine frühzeitige und konsequente Therapie kann die Folgeschäden verzögern und dadurch Mobilität und Lebensqualität erhalten. Der Erfolg einer Therapie wird sich nach einem Zeitraum von Jahrzehnten messen lassen müssen, nicht nach Wochen oder Monaten.

»Studiere die Prinzipien, nicht die Methoden.
Wenn wir die Prinzipien verstanden haben,
können wir unsere eigenen Methoden entwickeln.«
(A.B. Gill, 1928)

 

Dr.med. Volker Diedrichs

Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie Spezielle orthopädische Chirurgie, Kinderorthopädie, Neuroorthopädie, Technische Orthopädie, Manuelle Medizin

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